Jürgen Christian Findorff – was trieb ihn an?
Jürgen Christian Findorff ist für das Teufelsmoor eine der prägenden Gestalten. Er wurde 1720 in Lauenburg an der Elbe geboren und starb 1792 in Mehedorf bei Bremervörde; in der Deutschen Biographie wird er als evangelischer Moorkolonisator geführt. Seine Arbeit verband Vermessung, Verwaltung, Siedlungsplanung, Wasserbau und Kirchenbau. In Worpswede leitete er den Bau der Zionskirche, die 1757 bis 1759 auf dem Weyerberg entstand; später war er auch mit den Kirchen in Grasberg und Gnarrenburg verbunden.
Was trieb ihn an? Sicher war Findorff kein romantischer Menschenfreund im modernen Sinn. Er handelte im Rahmen des hannoverschen Staates, der das Moor nutzbar machen, Bevölkerung ansiedeln und Erträge gewinnen wollte. Aber es wäre zu wenig, ihn nur als Techniker der Urbarmachung zu sehen. Seine Arbeit hatte eine soziale und geistliche Seite. Wer Siedlungen gründet, Wege anlegt und Kirchen baut, ordnet nicht nur Boden. Er ordnet Lebensmöglichkeiten.
Über Findorffs persönlichen Glauben lässt sich nicht so sprechen, als läge ein inneres Bekenntnis offen vor uns. Gesichert ist seine Zugehörigkeit zum evangelischen Raum; deutlich sichtbar ist, dass Kirche für seine Vorstellung von Besiedlung dazugehört. Die Zionskirche wurde nicht als späterer Schmuck einer erfolgreichen Kolonie gebaut, sondern im Zusammenhang der beginnenden Moorkultivierung. Sie sollte den Menschen der Moordörfer einen erreichbaren Gottesdienstort geben. Das sagt nicht alles über Findorffs Frömmigkeit. Aber es sagt etwas über seine Ordnungsvorstellung: Eine Siedlung brauchte nicht nur Gräben, Höfe und Wege, sondern auch Glocke, Predigt und Friedhof.
Aus heutiger Sicht wirkt Findorff deshalb ambivalent und groß. Er steht für Erschließung, aber auch für Eingriff; für Hilfe, aber auch für staatliche Formung; für harte Kolonisation, aber auch für die Einsicht, dass Menschen mehr brauchen als Land. Wenn man nach seinem Glauben fragt, würde ich vorsichtig sagen: Er scheint weniger durch eine überlieferte innere Mystik sichtbar zu werden als durch eine protestantische Arbeitsfrömmigkeit, in der Ordnung, Pflicht, Nutzen und Kirche zusammengehörten. Das ist eine Deutung, kein Beweis. Aber sie passt zu dem, was seine Spur im Teufelsmoor sichtbar macht.
Die Moorbauern – wie fanden sie Halt im Glauben?
Die Moorbauern treten in der Geschichte selten als Einzelne hervor. Meist erscheinen sie als Gruppe: Siedler, Kolonisten, Torfstecher, Schiffer, Familien, die unter schwierigen Bedingungen Land urbar machten. Die Moorkolonisation begann im Raum Worpswede ab der Mitte des 18. Jahrhunderts; der bekannte plattdeutsche Satz „Den Ersten de Dod, den Tweten de Nod, den Dritten dat Brod“ bringt die Härte dieser Entwicklung auf eine knappe Formel.
Dieser Satz ist kein theologischer Satz. Aber er erklärt, warum der Glaube im Moor nicht bloß eine Sonntagsangelegenheit gewesen sein kann. Wer in einer Landschaft lebt, in der die erste Generation Tod, die zweite Not und erst die dritte Brot erwartet, braucht Halt. Nicht jeder Halt ist Glaube. Manchmal ist es Gewohnheit, Familie, Nachbarschaft, Trotz, Pflichtgefühl. Aber im 18. und 19. Jahrhundert war der christliche Glaube der Deutungsrahmen, in dem solche Erfahrungen ausgesprochen wurden: Arbeit unter Gottes Blick, Tod nicht als bloßes Ende, Leiden nicht als sinnloses Verstummen, Kinder als anvertrautes Leben.
Man sollte diese Frömmigkeit nicht verklären. Sie war wahrscheinlich oft eng, pflichtorientiert, vom Katechismus geprägt, mit sozialer Kontrolle verbunden. Aber sie war nicht wertlos. Sie gab dem Leben eine Sprache. Ein Kind wurde getauft. Eine Ehe wurde vor Gott geschlossen. Ein Toter wurde nicht einfach entsorgt, sondern christlich begraben. Der Sonntag unterbrach die Arbeit. Der Friedhof sagte, dass die Armen und die Müden nicht namenlos verschwanden. In einer Gegend, in der die Kirche auf dem Weyerberg weithin sichtbar war und ihre Spitze den Menschen im Moor als Wegmarke diente, wurde Glaube auch räumlich erfahrbar.
Was die Moorbauern glaubten, lässt sich nicht pauschal beantworten. Einige werden aus Überzeugung geglaubt haben, andere aus Gewohnheit, manche mit Angst, manche mit Vertrauen. Vielleicht liegt gerade darin ihre Nähe zu uns. Glaube ist selten so rein, wie fromme Rückblicke ihn schildern. Im Moor dürfte er oft aus einem Gemisch bestanden haben: Dankbarkeit für Brot, Furcht vor Krankheit, Hoffnung auf Gottes Erbarmen, Pflicht gegenüber der Gemeinde und dem Wunsch, dass das harte Leben nicht das letzte Wort hat.
Die Pastoren von Worpswede – wie prägten sie den Ort?
Wer die Geschichte Worpswedes nur über die Künstler erzählt, sieht den Ort aus einem hellen, aber schmalen Fenster. Lange bevor die Maler kamen, gab es das Kirchspiel, die Zionskirche, den Friedhof, die Moordörfer, den Weg zur Taufe, zur Konfirmation, zur Beerdigung. Das klingt nach Ordnung, und Ordnung klingt schnell etwas langweilig. Aber für viele Menschen war genau diese Ordnung das Geländer, an dem sie durchs Leben gingen.
Die alten Dörfer des späteren Kirchspiels Worpswede gehörten ursprünglich zur St.-Willehadi-Kirche in Scharmbeck. Erst mit der Moorkolonisation im 18. Jahrhundert wurde eine eigene Kirche auf dem Weyerberg notwendig. 1755 wurde beschlossen, dort eine Kirche zu errichten, sichtbar für die „Mohr-Dörfer“, wie es in der damaligen Sprache hieß. Die Pläne stammen nicht, wie gelegentlich vereinfacht erzählt wird, unmittelbar von Jürgen Christian Findorff, sondern vom hannoverschen Hofbaumeister Johann Paul Heumann; Findorff leitete den Bau. 1759 wurden Zionskirche und Friedhof eingeweiht.
Mit dieser Einweihung begann auch die eigene Pastorenfolge. Die Pastoren standen nicht nur auf der Kanzel. Sie führten Kirchenbücher, begleiteten Familien, vermittelten Ordnung, waren Seelsorger, Schreiber, Amtsmenschen, gelegentlich auch Reizfiguren. In einer ländlichen Gemeinde war ein Pastor nie nur Prediger. Er war einer, der Namen kannte, Geburten notierte, Tote beerdigte und mitbekam, wenn ein Hof, eine Ehe oder ein Gewissen in Schwierigkeiten geriet.
Johann Friedrich Jakob Telge
Pastor in Worpswede 1759–1788
Johann Friedrich Jakob Telge war der erste Pastor der neu gegründeten Worpsweder Kirchengemeinde. Er übernahm das Pfarramt 1759, im Jahr der Einweihung von Zionskirche und Friedhof, und blieb bis 1788 im Amt. Seine Amtszeit fällt in die Anfangsphase des Kirchspiels, als die Kirche noch keine lange Tradition hatte, sondern selbst erst Teil des neuen Siedlungs- und Ordnungsprozesses im Teufelsmoor war.
Über Telges Persönlichkeit ist öffentlich wenig greifbar. Aber seine Aufgabe lässt sich aus der Situation recht genau ermessen. Er war Pastor einer jungen Gemeinde, deren Gebiet alte Dörfer und neue Moorsiedlungen umfasste. Das bedeutete weite Wege, arme Verhältnisse, eine Bevölkerung im Aufbau und eine Kirche, die für viele Menschen erstmals einen näheren geistlichen Mittelpunkt bot. Der erste Pastor eines solchen Kirchspiels verwaltet nicht nur Bestehendes. Er hilft, eine Ordnung überhaupt erst einzuüben.
Eine interessante spätere Spur führt von Telge in die weltliche und schließlich künstlerische Geschichte Worpswedes. Nach einer örtlichen Darstellung gründete Telges Enkel 1817 neben der Kirche einen „Kramladen“. Carl Otto Ferdinand Stolte heiratete später in diese Familie ein, übernahm 1854 das Geschäft in der heutigen Findorffstraße und wurde 1868 Ortsvorsteher. Dessen Tochter Sophie Emilie, genannt Mimi Stolte, lud den jungen Fritz Mackensen nach Worpswede ein; Mackensen kam am 13. September 1884 erstmals in den Ort. So hängt an einem frühen Pfarrhausfaden, etwas verschlungen, auch die Vorgeschichte der Künstlerkolonie. Geschichte liebt solche Umwege. Sie macht nur selten ein Schild daran.
Johann Ernst Büttner
Pastor in Worpswede 1789–1817
Johann Ernst Büttner folgte 1789 auf Telge und blieb bis 1817 Pastor in Worpswede. Seine Amtszeit umfasste fast drei Jahrzehnte und damit eine Phase, in der die Moorkolonisation weiterwirkte und die Gemeinde sich nach den ersten Jahrzehnten des Kirchspiels stärker festigte.
Ein greifbares Zeichen seiner Amtszeit hängt, bildlich gesprochen, bis heute im Geläut der Kirche. Die heutige kleinere Läuteglocke III wurde 1799 von Christoph Heinrich Meyer in Bremen gegossen; ihre Inschrift nennt Pastor Johann Ernst Büttner, Moorvogt Friedrich Findorff und den Bremer Glockengießer Meyer. Das ist ein schönes kleines Dokument: Pastor, Moorvogt, Handwerker. Kirche war hier nicht nur Frömmigkeit, sondern auch Verwaltung, Technik, Finanzierung und Ortsgemeinschaft.
Büttners Amtszeit berührt auch baulich eine wichtige Phase. Der Turm der Zionskirche wurde 1797/98 nach einem Entwurf Friedrich Findorffs errichtet. Ursprünglich hatte die Kirche nur einen Dachreiter; der Turm gab ihr erst jene weithin sichtbare Gestalt, die sie später als Landmarke im Moor prägte. Der Pastor steht in solchen Baugeschichten selten allein im Mittelpunkt. Aber er war derjenige, dessen Gemeinde mit diesem Bau lebte und dessen Glocken den Alltag ordneten.
Jakob Heinrich Delius
Pastor in Worpswede 1817–1827
Jakob Heinrich Delius war von 1817 bis 1827 Pastor in Worpswede. Über ihn sind in den öffentlich zugänglichen Quellen, soweit recherchierbar, vor allem Name und Amtszeit gesichert. Mehr sollte man daraus nicht machen. Ein kurzer Eintrag ist keine kleine Persönlichkeit, sondern nur eine schmale Überlieferung.
Seine Amtszeit liegt in der Zeit nach den napoleonischen Umbrüchen. Worpswede gehörte nach der französischen Zeit wieder zum Königreich Hannover und wurde zunächst dem Amt Osterholz, später dem Amt Lilienthal zugeordnet. Für die Kirche bedeutete diese Zeit vor allem Kontinuität im Alltag: Taufen, Trauungen, Begräbnisse, Konfirmationen, Gottesdienste. Vieles, was ein Pastor tut, hinterlässt keine großen Spuren. Es steht in Kirchenbüchern, nicht in Denkmälern.
August Wilhelm Ludwig Günsch
Pastor in Worpswede 1828–1851
August Wilhelm Ludwig Günsch amtierte von 1828 bis 1851 in Worpswede. Das Kirchengemeindelexikon nennt ihn in der Pastorenliste und verweist zusätzlich auf ein Bild. Schon das unterscheidet ihn von manchen Vorgängern, bei denen die öffentliche Überlieferung noch knapper ist.
Günschs Amtszeit fällt in eine lange ruhige, aber nicht ereignislose Phase des 19. Jahrhunderts. Worpswede war damals noch nicht das Künstlerdorf, als das es später bekannt wurde. Es war ein ländlicher Ort am Rand des Moores, kirchlich eingebunden, wirtschaftlich bescheiden, mit den Mühen eines Kirchspiels, das aus mehreren Siedlungen und Wegen bestand. Der Pastor war in einer solchen Gemeinde auch ein Stück gebildete Öffentlichkeit. Er schrieb, ordnete, mahnte, verzeichnete und stand an den Lebensschwellen der Menschen.
Christian Heinrich Colpe
Pastor in Worpswede 1852–1884
Christian Heinrich Colpe war von 1852 bis 1884 Pastor in Worpswede. Seine lange Amtszeit umfasst mehr als drei Jahrzehnte und reicht bis unmittelbar an jene Jahre heran, in denen Worpswede durch Fritz Mackensen und die späteren Künstler der Gründergeneration einen neuen, ganz anderen Klang bekam.
Über Colpe selbst ist online kaum mehr zu finden als seine Amtszeit. Aber der Zeitraum ist bemerkenswert. In seine Jahre fiel eine ländliche Gemeinde, die noch ganz anders aussah als das spätere Künstlerdorf. 1812 lebten im Ort Worpswede gut 300 Menschen, 1905 waren es rund 715; der starke symbolische Bedeutungszuwachs des Ortes kam also nicht aus seiner Größe, sondern aus seiner späteren kulturellen Aufladung. Colpe war Pastor vor diesem Umschlag. Er sah, soweit die Daten erkennen lassen, noch das Worpswede vor dem Mythos.
Gottfried Gustav von Hanffstengel
Pastor in Worpswede 1884–1892
Gottfried Gustav von Hanffstengel amtierte von 1884 bis 1892. Seine Amtszeit fällt genau in jene Schwellenjahre, in denen Worpswede vom ländlichen Kirchspiel zum künftigen Künstlerort wurde. Fritz Mackensen kam 1884 erstmals nach Worpswede; 1889 beschlossen Mackensen, Otto Modersohn und Hans am Ende, in der Landschaft des Teufelsmoores zu bleiben.
Ob und wie Pastor von Hanffstengel die jungen Künstler wahrnahm, ist in den herangezogenen Quellen nicht belegt. Man sollte sich hier keine hübsche Szene ausdenken: der Pastor am Kirchhof, die Maler mit Staffelei, ein kluger Satz über Kunst und Glauben. Möglich wäre vieles. Belegt ist es nicht. Sicher ist nur, dass in seine Amtszeit der Beginn jener Entwicklung fällt, die Worpswede berühmt machte. Manchmal sitzt die Geschichte mit am Tisch, ohne dass jemand sie erkennt.
Jürgen Fitschen
Pastor in Worpswede 1892–1913
Jürgen Fitschen war von 1892 bis 1913 Pastor in Worpswede. In seine Amtszeit fiel der künstlerische Durchbruch Worpswedes: 1895 wurden Werke der Künstlervereinigung in der Bremer Kunsthalle und anschließend im Münchener Glaspalast gezeigt; dieser Erfolg wurde zur Grundlage des Worpsweder Künstlernamens.
Auch kirchlich war seine Amtszeit bewegt. 1900 erhielt die Kirchengemeinde Worpswede eine zweite Pfarrstelle mit Sitz in Hüttenbusch, weil das weitläufige Kirchspiel gewachsen war. Zugleich wurde die Gemeinde in zwei Pfarrbezirke geteilt. Solche Verwaltungsentscheidungen klingen trocken, aber sie zeigen, dass die kirchliche Wirklichkeit mit den Wegen, den Siedlungen und der Zahl der Gemeindeglieder nicht mehr einfach nebenbei zu bewältigen war.
In Fitschen Amtszeit fällt auch eine der bekanntesten kleinen Geschichten der Zionskirche: Unterhalb der Deckenbalken an den Emporenstützen befinden sich Putten von Clara Rilke-Westhoff und Blumenmalereien von Paula Modersohn-Becker. Sie entstanden 1901 als Bußarbeit für unerlaubtes Glockenläuten. Später wurden die Malereien 1936 überstrichen und Ende der 1980er Jahre restauriert. Dass zwei junge Künstlerinnen wegen Glockenläutens zu Kirchenschmuck verdonnert wurden, ist eine jener Worpsweder Begebenheiten, bei denen man nicht weiß, ob man zuerst lächeln oder dankbar sein soll. Vermutlich beides.
Alfred Harry Renwig Röhrbein
Pastor in Worpswede 1914–1921
Alfred Harry Renwig Röhrbein war von 1914 bis 1921 Pastor der ersten Pfarrstelle. Seine Amtszeit begann mit dem Jahr des Ersten Weltkriegs. Damit stand er in einer Gemeinde, deren Alltag von Krieg, Verlust, Nachrichten von der Front und später von Mangel und politischer Unsicherheit geprägt gewesen sein muss. Konkrete Einzelheiten zu seinem Wirken in Worpswede sind online kaum greifbar; die Amtszeit ist jedoch gesichert.
Auch die Kirche selbst blieb von der Kriegszeit nicht unberührt. Die Prospektpfeifen der 1900 erbauten Peternell-Orgel wurden 1917 zu Rüstungszwecken abgegeben. Solche Details wirken auf den ersten Blick nebensächlich. Sie sind es nicht. Sie zeigen, wie der Krieg bis in den Klangraum einer Dorfkirche hineinreichte.
Friedrich Wilhelm Werner Stakemann
Pastor in Worpswede 1922–1929
Friedrich Wilhelm Werner Stakemann amtierte von 1922 bis 1929. Seine Jahre fallen in die Zeit der Weimarer Republik, also in eine Phase politischer und gesellschaftlicher Unruhe, aber auch kultureller Bewegung. Für Worpswede war es eine Zeit nach der Gründergeneration, in der der Ort seinen künstlerischen Rang bereits hatte, aber auch lernen musste, mit diesem Rang zu leben.
In diese Jahre fallen auch sichtbare Veränderungen an der Kirche. 1923 entstanden die figürlichen Glasmalereien links und rechts des Altars, gefertigt von Franz Lauterbach aus Hannover; eines der Fenster trägt die Inschrift „Gestiftet von Deutsch-Amerikanern aus Savannah“. Man sieht daran recht gut, dass Worpswede und seine Kirche längst nicht mehr nur lokale Bedeutung hatten. Selbst kirchliche Ausstattung konnte nun Spuren über den Atlantik tragen.
Georg Karl Albert Burgstaller
Pastor in Worpswede 1929–1933
Georg Karl Albert Burgstaller war von 1929 bis 1933 Pastor in Worpswede. Seine Amtszeit endete im Jahr der nationalsozialistischen Machtübernahme. Über seine Person ist online nicht viel Greifbares zu finden; gesichert ist die Amtszeit.
Gerade deshalb sollte man vorsichtig sein. Die Jahre 1929 bis 1933 waren politisch hoch angespannt. Aber aus der Amtszeit allein lässt sich keine Haltung Burgstallers ableiten. Es wäre bequem, ihn in eine spätere Erzählung einzupassen. Belegt ist das nicht. Was man sagen kann: Er stand in Worpswede an einer historischen Schwelle, nach der auch die Kirchengeschichte nicht mehr unbeschädigt erzählt werden kann.
Karl Heinrich Franz Bobzien
Pastor in Worpswede 1934–1948
Karl Heinrich Franz Bobzien war von 1934 bis 1948 Pastor der ersten Pfarrstelle. Seine Amtszeit führt mitten in die schwierigste Zeit der Worpsweder Kirchengeschichte: Nationalsozialismus, Krieg, Zusammenbruch und unmittelbare Nachkriegszeit. Das Kirchengemeindelexikon nennt ihn ausdrücklich für die NS-Zeit gemeinsam mit Hermann Albers, der die zweite Pfarrstelle innehatte.
Bobziens Biografie lässt sich nicht glatt erzählen. Im „Fragebogen zur Geschichte der Landeskirche von 1933 bis Kriegsende“ gab er später an, kirchenpolitisch zur Hannoverschen Bekenntnisgemeinschaft gehört zu haben. Zugleich schrieb er, er sei „von 1932 bis zum Ausschluss 1938“ Mitglied der NSDAP gewesen. Das ist genau jene Art von Befund, die sich der einfachen Einordnung entzieht. Weder Heldengeschichte noch bloße Verdammung reichen aus. Die Akte verlangt einen genaueren Blick.
In den Visitationsunterlagen von 1937 berichtete Bobzien, er habe als „ältester Pg“ an Schulungsabenden der NSDAP teilgenommen. Nachdem der Kreisleiter die Kirche angegriffen habe, sei Bobzien zu ihm gegangen und habe in einem dreiviertelstündigen Gespräch auf die Gefahr hingewiesen, eine Volksgemeinschaft ohne die Kräfte des Glaubens bauen zu wollen. Danach sei ihm gestattet worden, künftig wieder an den Schulungsabenden mitzuarbeiten. Dieser Satz ist bemerkenswert. Er zeigt Widerspruch, aber auch Nähe. Er zeigt Konflikt, aber auch Teilnahme. Es ist ein Dokument aus einer Zeit, in der Grenzen nicht nur überschritten, sondern oft auch sprachlich verwischt wurden.
Bobzien und Albers notierten zum 1933 neu gewählten Kirchenvorstand, keiner der Kirchenvorsteher habe den Deutschen Christen angehört. Während der Kirchenrenovierung 1936 wurde außerdem das Kirchstuhlrecht aufgehoben; damit entfielen die fest zugeordneten Sitzplätze und auch die Trennung von Frauen und Männern in der Kirche. Selbst in einer dunklen Zeit gab es also innerkirchliche Veränderungen, die nicht einfach in das politische Schema passen. Geschichte bleibt selten ordentlich.
Nach 1945 blieb Bobzien noch bis 1948 im Amt. In dieser unmittelbaren Nachkriegszeit stieg die Zahl der Gemeindeglieder im Kirchspiel Worpswede durch den Zuzug Geflüchteter bis 1948 um etwa 3.000 auf ungefähr 7.800. Die Kirchengemeinde eröffnete eine Gemeindeschwesternstation und stellte 1945 zwei Diakonissen für Worpswede sowie 1946 eine für Hüttenbusch an. Der Pastor stand damit nach der politischen Katastrophe vor einer sehr praktischen Aufgabe: Menschen aufnehmen, Not begleiten, Gemeinde neu sammeln.
Georg Friedrich Borcherding
Pastor der zweiten Pfarrstelle Hüttenbusch 1903–1921
Georg Friedrich Borcherding war der erste Inhaber der 1900 geschaffenen zweiten Pfarrstelle mit Sitz in Hüttenbusch; er amtierte von 1903 bis 1921. Zuständig war er für Hüttenbusch, Vieh, Hüttendorf, Heudorf, Fünfhausen und Breddorfermoor, nominell auch für Neu St. Jürgen, das sich jedoch nach Worpswede hielt. 1936 zählte der erste Pfarrbezirk etwa 4.000 Gemeindeglieder, der zweite gut 860; das zeigt die sehr ungleichen Größenverhältnisse.
Zum Gottesdienst versammelte sich die Gemeinde des zweiten Pfarrbezirks in einem Betsaal im ersten Obergeschoss des 1902 erbauten Pfarrhauses. Auch das ist eine typische ländliche Kirchensituation: nicht überall eine Kirche, aber ein Raum, in dem gepredigt, gebetet, gesungen und Gemeinde gehalten wurde. Der Betsaal ist die kleine Schwester der Kirche. Manchmal ist sie im Alltag wichtiger, als man ihr ansieht.
Georg Raabe
Pastor der zweiten Pfarrstelle Hüttenbusch 1921–1924
Georg Raabe war von 1921 bis 1924 Pastor der zweiten Pfarrstelle in Hüttenbusch. Öffentlich zugängliche biografische Einzelheiten konnten bei der Recherche nicht belastbar ermittelt werden; gesichert ist die Amtszeit in der Pastorenliste des Kirchengemeindelexikons.
Seine kurze Amtszeit fällt in die frühen Jahre der Weimarer Republik. Für den Hüttenbuscher Pfarrbezirk bedeutete dies weiterhin kirchliche Versorgung eines ländlichen, räumlich verstreuten Gemeindeteils. Solche kurzen Amtszeiten verschwinden leicht in Listen. Für die Menschen, die damals getauft, konfirmiert, getraut oder begraben wurden, war der Pastor trotzdem kein Listenname.
Hermann Katz
Pastor der zweiten Pfarrstelle Hüttenbusch 1925–1931
Hermann Katz amtierte von 1925 bis 1931 auf der zweiten Pfarrstelle in Hüttenbusch. Auch zu ihm sind online im Wesentlichen Name und Amtszeit zuverlässig greifbar. Mehr sollte ohne Archivarbeit nicht behauptet werden.
Der Name fällt heutigen Lesern vielleicht auf. Aber Namen sind keine Beweise. Ohne gesicherte Angaben zu Herkunft, Familie oder späterem Lebensweg wäre jede Deutung fahrlässig. Hier zeigt sich eine Grenze öffentlicher Recherche: Manchmal ist es anständiger, eine Lücke stehen zu lassen, als sie mit Vermutungen hübsch zu füllen.
Hermann Ludwig Albers
Pastor der zweiten Pfarrstelle Hüttenbusch 1931–1951
Hermann Ludwig Albers war von 1931 bis 1951 Pastor der zweiten Pfarrstelle in Hüttenbusch. Seine Amtszeit umfasste damit die letzten Jahre der Weimarer Republik, den Nationalsozialismus, den Zweiten Weltkrieg und die unmittelbare Nachkriegszeit. Das Kirchengemeindelexikon nennt ihn gemeinsam mit Karl Bobzien als Pastor der Worpsweder Kirchengemeinde während der NS-Zeit.
Auch Albers gab im Fragebogen zur Geschichte der Landeskirche von 1933 bis Kriegsende an, kirchenpolitisch zur Hannoverschen Bekenntnisgemeinschaft gehört zu haben. Zugleich notierten Bobzien und Albers, keiner der 1933 neu gewählten Kirchenvorsteher habe den Deutschen Christen angehört. Das ist ein wichtiger Befund, aber kein Freibrief. Er sagt etwas über kirchenpolitische Zuordnung. Er erzählt noch nicht die ganze Geschichte des Handelns, Schweigens oder Widersprechens im Ort.
Albers blieb bis zur Verselbständigung des Hüttenbuscher Pfarrbezirks im Amt. Zum 1. April 1951 trennte sich der Pfarrbezirk II vom Kirchspiel Worpswede ab, wurde selbständige Kirchengemeinde Hüttenbusch und übernahm auch die dort angesiedelte Pfarrstelle. Damit endete ein Abschnitt, der 1900 mit der zweiten Pfarrstelle begonnen hatte. Verwaltungssätze klingen oft leblos. Für Gemeinden bedeuten sie aber Zuständigkeit, Identität und manchmal auch Erleichterung.
Karl-Heinz Daugelat
Pastor der neu errichteten zweiten Pfarrstelle 1965–1974
Karl-Heinz Daugelat übernahm 1965 als erster Pastor die neu errichtete zweite Pfarrstelle in Worpswede und blieb bis 1974 im Amt. Diese zweite Pfarrstelle war etwas anderes als die frühere Hüttenbuscher Pfarrstelle, die 1951 auf die selbständige Kirchengemeinde Hüttenbusch übergegangen war.
In Daugelats Amtszeit fällt ein wichtiger Schritt der modernen Gemeindearbeit: 1969 entstand, unterstützt vom Freundeskreis Scheune e. V., im ehemaligen Stall des Küsterhauses das Jugendzentrum „Scheune“. Damit trat neben Gottesdienst und klassischer Seelsorge deutlicher die offene Arbeit mit jungen Menschen. Auch das ist Kirchengeschichte. Sie riecht nur weniger nach Archiv und mehr nach kaltem Tee, Gitarren, Diskussionen und der Frage, wer den Schlüssel hat.
Dr. Kurt Liedtke
Pastor in Worpswede 2010–2020
Dr. Kurt Liedtke trat im August 2010 sein Amt in Worpswede an und hielt am 23. Februar 2020 seine letzte Predigt in der Zionskirche. Nach einer Darstellung der Freunde Worpswedes kam er in eine Gemeinde, in der es hinter der schönen Fassade des Künstlerdorfes spürbare Spannungen gab. Der Text beschreibt ihn als ruhigen, sachlichen, freundlich-verbindlichen Schlichter, der half, die Gemeinde wieder zusammenzuführen.
Liedtke wurde 1955 geboren, wuchs in Helmstedt und Hannover auf, studierte in Göttingen, absolvierte sein Vikariat in Wolfsburg und promovierte in Würzburg über Ernst Lange, einen Praktischen Theologen und Kirchenreformer, der besonders mit Fragen der Ökumene verbunden war. Vor Worpswede hatte Liedtke mehrere Pfarrstellen in Niedersachsen inne. Das ist ein Profil, das gut zu einer Gemeinde passte, in der Theologie nicht nur Kanzelrede, sondern auch Vermittlung, Kommunikation und Gemeindefrieden brauchte.
In seine Worpsweder Amtszeit fielen mehrere Projekte, die Kirche, Kunst und Ort miteinander verbanden. 2010 wurde das ökumenische Bibelprojekt „Worpswede schreibt die Bibel“ vorgestellt; 2012 wurde die neue Ahrend-Orgel nach dem Vorbild der Gloger-Orgel von 1762 eingeweiht; 2017 entstand zum Reformationsjubiläum das Kunstprojekt „Ich bin so frei“ in der Zionskirche. Außerdem wurde 2017 die Restaurierung des sogenannten „Heiligen Worps“, einer Georgsfigur am Kirchberg, gemeinsam mit örtlichen Kräften unterstützt.
Bemerkenswert ist auch eine Veränderung im Umgang mit Trauerfeiern. Nach dem Tod des langjährigen Vorstandsmitglieds der Freunde Worpswedes, Günter Hildebrandt, wurde eine Aussegnungsandacht in der Kirche möglich; nach der Darstellung der Freunde Worpswedes wurden kirchliche Trauerfeiern auf Wunsch im Gotteshaus seither genehmigt. Das klingt klein, aber es berührt eine tiefe Frage: Wo darf ein Dorf öffentlich trauern? Manchmal verändert ein Pastor eine Gemeinde nicht durch ein Programm, sondern durch eine Tür, die künftig offen bleibt.
Jörn Contag
Pastor in Worpswede seit 2020
Jörn Contag übernahm zum 1. August die Pastorenstelle an der Worpsweder Zionskirche und zog ins Pfarrhaus am Kirchberg. Der Weser-Kurier berichtete, Contag bringe eine ungewöhnliche Biografie mit: Er war lange als Geschäftsführer in der Diakonie tätig. Die Diakonie in Südwestfalen meldete, dass ihr theologischer Geschäftsführer zum 1. August in den Norden gehe und im Künstlerdorf Worpswede die Pfarrstelle übernehme.
Contag beschrieb die Worpsweder Stelle als „Traumpfarrstelle“. Nach dem Weser-Kurier war es nicht einfach der Wunsch, überhaupt wieder in den Pfarrdienst zu gehen, sondern gerade diese ausgeschriebene Pfarrstelle, die ihn reizte. Seine Frau Andrea, ebenfalls Theologin, trat nach den Sommerferien eine Stelle als Religionslehrerin am Gymnasium in Osterholz-Scharmbeck an. Selbst der Hund Stanley bekam im Artikel seinen Auftritt. Man kann darüber schmunzeln. Aber solche Details zeigen, dass ein Pastor nicht als Funktion einzieht, sondern als Mensch mit Haushalt, Geschichte und Hundeleine.
Auf der aktuellen Website der Evangelischen Kirchengemeinde Worpswede wird Jörn Contag als Pastor und Vorsitzender des Kirchenvorstands geführt; als Kontaktadresse ist das Pfarrhaus An der Kirche 1 angegeben. Damit steht er gegenwärtig an jener Stelle, an der sich die lange Worpsweder Pastorenfolge in die Gegenwart fortsetzt.
Contag ist auch in der örtlichen Erinnerungsarbeit öffentlich hervorgetreten. Am 9. November 2021 hielt er am Rosa-Abraham-Platz die Gedenkrede zum Jahrestag der Reichspogromnacht. In dieser Rede begann er mit Rosa Abraham und sprach ausdrücklich davon, dass in Worpswede aus Nachbarn Juden wurden und dass Rosa Abraham, Walter Steinberg sowie Betty und Käthi Meyer niemand beigestanden habe. Das ist eine deutliche Form geistlicher Rede im öffentlichen Raum: nicht tröstlich zuerst, sondern wahrheitsverpflichtet.
Christiane Schneider
Prädikantin und Kirchenvorsteherin
Christiane Schneider ist keine Pastorin der Worpsweder Pfarrstelle, aber als Prädikantin und Kirchenvorsteherin Teil des geistlichen Lebens der heutigen Gemeinde. Die Gemeindeseite führt sie ausdrücklich mit dieser Funktion. Eine Prädikantin steht nicht in derselben Amtslinie wie die ordinierten Pastoren, darf aber Gottesdienste mitgestalten und predigen. Für eine Seite über „Worpswede glaubt“ ist das kein Nebenaspekt. Es zeigt, dass geistliche Sprache heute nicht mehr ausschließlich aus dem Pfarrhaus kommt.
Gerade in der Gegenwart wird sichtbar, dass Gemeinde nicht allein von Pastoren getragen wird. Kirchenvorstand, Lektorinnen, Prädikantinnen, Diakonie, Jugendarbeit, Kirchenmusik, Küsterdienst und Gemeindebüro bilden ein Geflecht. Früher stand der Pastor stärker als einzelne Autorität im Dorf. Heute ist das Amt immer noch wichtig, aber es steht in einem Team. Das ist weniger majestätisch. Meistens ist es gesünder.
Was diese Namen erzählen
Die Worpsweder Pastorenliste beginnt mit Telge, dem ersten Pastor einer neuen Kirche im Moor, und führt über Büttner, Delius, Günsch, Colpe, von Hanffstengel, Fitschen und die Pastoren des 20. Jahrhunderts bis zu den heutigen Formen von Gemeindearbeit. Sie erzählt nicht einfach eine Reihe frommer Männer. Sie erzählt die Wandlung eines Ortes: vom Moorkirchspiel zum Künstlerdorf, von der ländlichen Ordnung zur modernen Gemeinde, von der Kanzelautorität zur Teamarbeit.
Besonders heikel bleibt die Zeit des Nationalsozialismus. Bobzien und Albers gaben später an, zur Hannoverschen Bekenntnisgemeinschaft gehört zu haben; Bobzien war zugleich seit 1932 NSDAP-Mitglied bis zu seinem Ausschluss 1938. Diese Gleichzeitigkeit darf nicht geglättet werden. Sie zeigt, wie schwer es ist, kirchliche Biografien in jener Zeit nur mit den Worten „Widerstand“ oder „Anpassung“ zu beschreiben. Oft liegt die Wahrheit unbequem dazwischen.
Worpswede hat in den vergangenen Jahren begonnen, seine NS-Geschichte intensiver aufzuarbeiten. Der Heimatverein beschreibt eine seit 2014 bestehende sachgerechte Aufarbeitung der gesamten Worpsweder NS-Geschichte; 2025/2026 wurde ein Gedenkort für die Opfer des Nationalsozialismus errichtet. Auch die kirchliche Geschichte steht nicht außerhalb dieser Erinnerung. Wer in der Zionskirche predigte, sprach in denselben Ort hinein, in dem Nachbarn ausgegrenzt, beraubt, vertrieben oder ermordet wurden.
Die Pastoren prägten Worpswede nicht immer durch große Gesten. Meist prägten sie den Ort durch Wiederholung. Sonntag für Sonntag Gottesdienst. Jahr für Jahr Konfirmandenunterricht. Taufe, Trauung, Krankenbesuch, Beerdigung. Kirchenbücher statt Schlagzeilen. Das ist unspektakulär, aber nicht klein. Ein Dorf wird nicht nur durch Ereignisse geformt, sondern durch Sätze, die immer wieder gesagt werden: „Der Herr segne dich.“ „Erde zu Erde.“ „Ich taufe dich.“ „Gehet hin in Frieden.“
Vielleicht liegt gerade darin die besondere Bedeutung dieser Pastorenfolge. Sie zeigt, wie Glaube in Worpswede öffentlich wurde: in einer Kirche auf dem Weyerberg, in einem Betsaal in Hüttenbusch, später in einer Jugendscheune, in ökumenischen Projekten, in der katholischen Kapelle Maria Frieden, in einer Gedenkrede am Rosa-Abraham-Platz. Nicht alle Pastoren waren gleich sichtbar. Nicht alle sind gleich gut dokumentiert. Aber alle standen an einer Stelle, an der Menschen Orientierung erwarteten. Manche gaben sie klarer als andere. Das gehört zur Wahrheit dazu.
Andere lokale Persönlichkeiten – wer hielt das Gemeindeleben zusammen?
Nicht nur Pastoren prägen einen Glaubensort. Oft sind es Küster, Lehrerinnen, Organisten, Kirchenvorsteher, Diakonissen, Gemeindeschwestern, Menschen in Chören, Besuchsdiensten, Jugendräumen und Friedhofsarbeit. Ihre Namen stehen seltener auf Denkmälern. Aber ohne sie bleibt Kirche ein Gebäude.
Für Worpswede ist nach 1945 etwa überliefert, dass die Kirchengemeinde in der unmittelbaren Nachkriegszeit eine Gemeindeschwesternstation eröffnete und Diakonissen für Worpswede und Hüttenbusch anstellte. Zugleich wuchs die Gemeinde durch Flüchtlinge und Vertriebene stark an; 1948 hatte das Kirchspiel etwa 7.800 Gemeindeglieder, und auch eine kleine katholische Gemeinde bildete sich. Solche Zahlen erzählen von einer angespannten Zeit: Wohnungsnot, Verlust, Neuanfang, fremde Dialekte, neue Nachbarschaften, viele Wunden.
Diakonissen und Gemeindeschwestern standen an einer Stelle, an der Glaube praktisch wurde. Sie mussten nicht über das Leid reden, sie begegneten ihm. Krankheit, Alter, Geburt, Sterben, Armut, Überforderung – in solchen Situationen entscheidet sich, ob Glaube nur Sprache ist oder Dienst. Man sollte diese Frauen nicht sentimental verklären. Ihr Leben war oft hart, diszipliniert, institutionell gebunden. Aber ihr Dienst macht sichtbar, dass Christentum in Worpswede nicht nur aus Kanzel und Kunst bestand.
Auch Lehrer und Küster gehörten in diese Zwischenräume von Bildung, Glaube und Alltag. Die alte Verbindung von Schule und Kirche war nicht immer frei von Enge, aber sie vermittelte biblische Geschichten, Lieder, Gebete und ein Grundwissen, das Generationen prägte. Vieles davon ist heute nicht mehr selbstverständlich. Gerade deshalb sollte man die unscheinbaren Träger des Gemeindelebens nicht vergessen.
Künstler, Schriftsteller, Denker
In Worpswede begegnen sich Kunst und Glaube nicht sauber getrennt, als gehörte das eine ins Atelier und das andere in die Kirche. Die Künstler, Schriftsteller und Denker, die hierherkamen, suchten im Moor nicht nur Motive, sondern eine andere Tiefe: Licht, Stille, Ursprünglichkeit, Gemeinschaft, manchmal auch Erlösung — nur selten mit einem einfachen kirchlichen Namen. Gerade deshalb muss man vorsichtig hinschauen: Nicht jede Sinnsuche ist Glaube, und nicht jede religiöse Geste hält einer späteren Lebensgeschichte stand. Aber in Worpswede wird sichtbar, wie nah Kunst, Sehnsucht, Irrtum und die Frage nach Gott beieinanderliegen können.
Fritz Mackensen – wie sah er Glauben im Alltag der Menschen?
Fritz Mackensen gehört zu den Gründergestalten der Künstlerkolonie Worpswede. 1889 kam er mit Otto Modersohn und Hans am Ende nach Worpswede; dieser Sommer gilt als Anfang der Künstlerkolonie. Sein großformatiges Bild „Gottesdienst im Freien“ beziehungsweise „Gottesdienst im Moor“ wurde 1895 bekannt und trug zum Durchbruch Worpswedes als Künstlerort bei.
Mackensen sah den Glauben nicht zuerst als Dogma, sondern als Szene des Lebens. In seinem Gottesdienstbild sammeln sich Menschen in der Landschaft. Der Gottesdienst ist nicht aus dem Moor herausgelöst, sondern steht mitten darin. Das ist wichtig. Die Frömmigkeit der Moorbauern erscheint nicht als privates Innenleben, sondern als gemeinschaftlicher Akt unter freiem Himmel, im Ernst der Landschaft.
Ob Mackensen selbst in einem persönlichen, biblischen Sinn gläubig war, ist damit noch nicht entschieden. Sein Werk zeigt jedenfalls, dass ihn religiöse Haltung, bäuerliche Würde und gemeinschaftliche Sammlung interessierten. Er malte nicht nur Kirchenarchitektur, sondern Menschen, die sich unter dem Wort Gottes versammeln. Aus christlicher Sicht liegt darin eine starke Beobachtung: Glaube wird sichtbar, wo Menschen ihr Leben unterbrechen und sich ausrichten lassen.
Der spätere Mackensen ist schwieriger zu betrachten. Seine Rolle im Nationalsozialismus muss mitgenannt werden; die Aufarbeitung der NS-Zeit in Worpswede nennt ihn als prominentes Parteimitglied, und die NS-Vergangenheit der Künstlerkolonie ist inzwischen Gegenstand eigener Forschung und Erinnerung. Das nimmt dem frühen Werk nicht seinen Rang, aber es verhindert ein ungebrochenes Künstlerbild. Ein Mensch kann religiöse Würde malen und später politisch schuldig werden oder sich schuldig verstricken. Gerade diese Spannung sollte nicht geglättet werden.
Paula Modersohn-Becker – welche innere Tiefe suchte sie?
Paula Modersohn-Becker wurde 1876 geboren und starb 1907 in Worpswede. Sie gehört heute zu den bedeutendsten Künstlerinnen der Moderne. Ihre Beziehung zu Worpswede war intensiv und zugleich nicht spannungsfrei: Sie fand dort Menschen, Landschaft und künstlerische Nähe, aber sie suchte auch Paris, Freiheit, Form, Farbe, Selbstständigkeit.
Über ihren Glauben sollte man vorsichtig sprechen. Es gibt keinen Grund, sie nachträglich in eine kirchliche Frömmigkeit einzusperren. Aber ihre Briefe zeigen eine Sprache innerer Ernsthaftigkeit. In einem Brief an Martha Vogeler vom 21. Mai 1906 schreibt sie: „Ich male lebensgroße Akte und Stilleben mit Gottvertrauen und Selbstvertrauen.“ Dieser Satz ist bemerkenswert, weil er Gottvertrauen und Selbstvertrauen nicht gegeneinander stellt. Sie gehören für einen Moment zusammen: Vertrauen auf mehr als sich selbst und zugleich der Mut, den eigenen künstlerischen Weg zu gehen.
Ihre Bilder wirken oft still, aber nicht harmlos. Kinder, alte Frauen, Mütter, Selbstbildnisse, einfache Dinge – sie erscheinen nicht dekorativ, sondern gegenwärtig. Aus meiner Sicht liegt darin eine religiöse Tiefe, auch wenn sie nicht immer ausdrücklich christlich formuliert ist. Paula Modersohn-Becker malt Menschen nicht als soziale Typen, sondern als Dasein. Sie schaut nicht weg. Das hat geistliches Gewicht.
Auch ihre kurze Lebenszeit gehört zur Wirkung ihres Werkes. Sie starb mit 31 Jahren in Worpswede. Man sollte daraus keinen Mythos machen, der ihr Leben verkleinert. Aber wer vor ihrem Grabmal „Werden und Vergehen“ steht, merkt, wie sehr ihre Kunst und ihr früher Tod in Worpswede zu einer Frage geworden sind: Was bleibt von einem Leben, das so kurz war und doch so entschieden gesehen hat?
Was über Paula Modersohn-Becker und Ihren Glauben auffindbar war, habe ich unter: Paula Modersohn-Becker – Gottvertrauen und Selbstvertrauen zusammengetragen.
Heinrich Vogeler – wie verband er Kunst, Gemeinschaft und geistige Suche?
Heinrich Vogeler wurde 1872 in Bremen geboren und starb 1942 in Kasachstan. Er war Mitbegründer der Worpsweder Künstlerkolonie; sein Barkenhoff wurde zum historischen Wohn- und Atelierhaus und zu einem Mittelpunkt der Künstlerkolonie.
Vogeler ist vielleicht die widersprüchlichste Gestalt Worpswedes. Am Anfang steht der Jugendstil, der Barkenhoff als „Gesamtkunstwerk“, eine Welt des Schönen, der Gestaltung, der Freundschaft, der Feste. Später verschiebt sich alles: Kriegserfahrung, soziale Frage, politische Radikalisierung, Hinwendung zum Kommunismus, schließlich Sowjetunion, Entbehrung und Tod in der Verbannung beziehungsweise Evakuierung nach Kasachstan.
Was glaubte Vogeler? Sicher nicht einfach im kirchlichen Sinn. Bei ihm tritt an die Stelle klassischer Frömmigkeit zunehmend eine soziale und politische Erlösungshoffnung. Er suchte Gemeinschaft, Gerechtigkeit, eine neue Ordnung des Lebens. Das hat religiöse Züge, auch wenn es sich von christlicher Theologie entfernt. Man könnte sagen: Vogeler verlor nicht die Sehnsucht nach Erlösung, aber er verlegte sie in Kunst, Gemeinschaft und Politik.
Gerade darin liegt die Tragik. Der Barkenhoff war ein Versuch, Leben schöner und gemeinschaftlicher zu gestalten. Später wurde aus der ästhetischen Utopie eine politische. Aus christlicher Sicht ist daran nicht alles falsch: Die Sehnsucht nach Gerechtigkeit gehört tief zum Glauben. Aber wenn Erlösung nur noch vom Menschen, von der Partei oder von der kommenden Gesellschaft erwartet wird, wird sie gefährlich. Vogeler ist deshalb nicht nur ein Künstlerporträt. Er ist eine Frage an alle Utopien.
Was über Heinricht Vogeler und seinen Glauben auffindbar war habe ich unter: Heinrich Vogeler und der Glaube Sehnsucht, Erlösung und die Stellen, an denen beides auseinandergeht zusammengestellt.
Rainer Maria Rilke – wie ringt er in Worpswede mit Gott?
Rainer Maria Rilke gehört nicht in dem Sinn zu Worpswede wie Mackensen oder Vogeler. Aber er war eng mit dem Ort und dem Kreis verbunden. Er schrieb 1903 eine Monographie über Worpswede und war mit Clara Westhoff verheiratet, die selbst als Bildhauerin zur Worpsweder Welt gehörte.
Rilkes Verhältnis zu Gott ist eines der großen Themen seines Werkes. Das „Stunden-Buch“, dessen Teile zwischen 1899 und 1903 entstanden und 1905 veröffentlicht wurden, ist keine kirchliche Dogmatik, sondern poetisches Ringen. Gott erscheint bei Rilke nicht als einfacher Besitz des Glaubenden, sondern als Nähe und Ferne, als Angeredeter, Gesuchter, manchmal fast vom Menschen hervorzubringender Gott.
Für Worpswede ist Rilke wichtig, weil er dem Ort eine Sprache gab. Er sah die Landschaft, die Künstler, die Stille, das Eigene. Aber noch wichtiger ist: Er zeigt, dass um 1900 die Gottesfrage nicht verschwunden war. Sie wurde nur anders gestellt. Nicht mehr selbstverständlich im Katechismus, sondern tastend, ästhetisch, innerlich, manchmal gefährlich selbstbezogen.
Aus christlicher Sicht kann Rilke faszinieren und irritieren. Seine Sprache hat Tiefe, aber sie löst Gott oft aus der biblischen Klarheit. Er ringt mit Gott, aber nicht immer vor Gott. Vielleicht liegt gerade darin seine moderne Bedeutung: Er spricht für Menschen, die Gott nicht einfach verneinen, aber ihn auch nicht mehr selbstverständlich im Glauben der Kirche finden.
Gerhart Hauptmann, Carl Hauptmann und andere, die mit Worpswede verbunden sind
Gerhart Hauptmann sollte in dieser Reihe eher am Rand stehen. Er gehört nicht zum innersten Worpsweder Kreis, war aber mit der geistigen Welt der Zeit verbunden. Paula Modersohn-Becker besuchte Gerhart Hauptmann in Agnetendorf; im Umfeld des Barkenhoff werden zudem Besuche der Dichter Carl Hauptmann und Rainer Maria Rilke erwähnt. Gerade Carl Hauptmann, der Bruder Gerharts, scheint für die Worpsweder Atmosphäre um 1900 näher greifbar zu sein.
Die Hauptmanns stehen für eine weitere Öffnung des Ortes. Worpswede war nicht nur Malerdorf. Es wurde ein Gesprächsraum für Literatur, Kunst, Natursehnsucht, Lebensreform und Sinnsuche. Dabei war der Glaube selten eindeutig kirchlich. Vieles bewegte sich zwischen Christentum, Naturmystik, Kulturkritik, sozialem Gewissen und künstlerischer Selbstdeutung.
In diese weitere Umgebung gehören auch Hans am Ende und Fritz Overbeck. Hans am Ende, 1864 in Trier geboren und Sohn eines Divisionspfarrers, gehörte zu den frühen Worpsweder Künstlern und ließ sich 1889 in Worpswede nieder. Über seinen persönlichen Glauben ist wenig Sicheres zu sagen, aber seine Herkunft aus einem Pfarrhaus ist nicht belanglos: Sie verweist auf eine protestantisch geprägte Bildungswelt, aus der viele Künstler der Zeit kamen, auch wenn sie später eigene Wege gingen.
Otto Modersohn gehört selbstverständlich ebenfalls in diese Reihe. Er war Mitbegründer der Künstlerkolonie, später Ehemann Paula Modersohn-Beckers, und sein Werk steht stark für Landschaft, Stille und das genaue Sehen. Eine interessante Randnotiz ist sein jüngerer Bruder Ernst Modersohn: Dieser wurde 1870 in Soest geboren, war evangelischer Pfarrer, Evangelist und geistlicher Schriftsteller. Dass in derselben Familie ein bedeutender Landschaftsmaler und ein evangelistischer Prediger standen, sagt nicht alles, aber es zeigt eine geistige Nähe von Kunst und Protestantismus im Milieu der Zeit.
Auch Clara Westhoff, später Clara Rilke-Westhoff, gehört in diesen Zusammenhang. Sie war Bildhauerin, mit Paula Becker befreundet und durch die bekannte Episode des unerlaubten Glockenläutens in der Zionskirche mit deren Innenraum verbunden: Als Folge des Vorfalls gestaltete Clara Westhoff Putten, Paula Becker malte Blumen. Diese kleine Geschichte ist mehr als Anekdote. Sie zeigt, wie Lebensfreude, Regel, Strafe, Kunst und Kirche in Worpswede auf eigentümliche Weise zusammenkamen.
Bernhard Hoetger wiederum brachte eine andere, schwerer zu fassende geistige Sprache nach Worpswede. Sein Grabmal „Werden und Vergehen“ für Paula Modersohn-Becker und der Niedersachsenstein auf dem Weyerberg zeigen eine symbolische, nicht einfach kirchliche Form von Sinnsuche. Beim Niedersachsenstein ist die Geschichte zusätzlich belastet: Er entstand aus einer Denkmalskultur nach dem Ersten Weltkrieg, in der Trauer, Heldengedenken, nationale Sehnsucht und spätere Deutungen schwer auseinanderzuhalten sind.
Schließlich ist Martha Vogeler zu nennen, nicht nur als Frau Heinrich Vogelers. Der Barkenhoff-Bestand und das Worpsweder Archiv sind mit ihr verbunden; das von Martha Vogeler gegründete und später von Hans-Herman Rief aufgebaute Worpsweder Archiv gehört zu den künstlerischen Beständen der Barkenhoff-Stiftung. Auch das ist eine Form von Treue: bewahren, ordnen, erinnern. Nicht jeder Glaube zeigt sich als Bekenntnis. Manchmal zeigt er sich in der Arbeit gegen das Vergessen.
Menschen heute
Wie glauben Menschen in Worpswede heute?
Über Menschen heute sollte man nicht schreiben, als seien sie Beispiele in einem Lehrbuch. Aber man kann typische Glaubensbiografien beschreiben, ohne einzelne Personen bloßzustellen. In Worpswede gibt es weiterhin evangelisches Gemeindeleben rund um die Zionskirche; zugleich bestehen katholische Angebote, etwa die Kapelle Maria Frieden als Filialkirche, und daneben spirituelle, kulturelle und therapeutische Formen der Sinnsuche.
Da ist zum Beispiel die ältere Frau, die seit ihrer Kindheit zur Kirche gehört. Sie würde vielleicht nicht viele theologische Sätze formulieren. Aber sie kennt die Choräle, die Friedhofswege, die Pastorenwechsel, die Taufen in der Familie, die Beerdigungen. Ihr Glaube ist weniger Argument als Treue. Man kann das belächeln, weil es unspektakulär ist. Ich würde es nicht tun. In solcher Treue liegt oft mehr Substanz, als moderne Selbstbeschreibungen ahnen.
Da ist der zugezogene Künstler oder die Künstlerin, die mit Kirche wenig anfangen kann, aber auf dem Friedhof stehen bleibt, in der Zionskirche still wird oder im Moor eine Art Andacht erlebt. Vielleicht würde diese Person nicht von Gott sprechen. Vielleicht eher von Energie, Tiefe, Verbundenheit, Stille. Als Christ sehe ich darin nicht einfach Glauben im biblischen Sinn. Aber ich sehe eine offene Stelle. Nicht jede Sehnsucht ist schon Antwort, aber ohne Sehnsucht wird auch die Antwort nicht gesucht.
Da ist der Mensch mittleren Alters, der nach einer Krise wieder fragt: Was trägt eigentlich? Krankheit, Scheidung, Tod der Eltern, berufliche Erschöpfung – solche Einschnitte bringen die Gottesfrage zurück, auch wenn sie lange verschüttet war. Dann kann ein Gespräch wichtiger sein als eine Veranstaltung. Eine offene Kirche wichtiger als ein Programm. Ein Bibelwort wichtiger als eine Erklärung.
Da ist auch die katholische Familie, die in einer evangelisch geprägten Umgebung lebt und ihren Glauben regional organisiert: Worpswede, Lilienthal, Osterholz-Scharmbeck. Gerade solche Minderheitserfahrungen können den Glauben bewusster machen. Was selbstverständlich ist, muss man nicht erklären. Was nicht selbstverständlich ist, wird eher Entscheidung.
Welche Spannungen erleben Menschen zwischen Tradition, moderner Spiritualität und Christentum?
Die religiöse Landschaft hat sich verändert. Früher war Kirche in vielen Lebensläufen der Normalfall. Heute ist sie eine Möglichkeit unter mehreren. Menschen begegnen christlicher Tradition, Yoga, Meditation, Klangangeboten, Naturspiritualität, Kunst, Psychologie und persönlicher Sinnsuche oft gleichzeitig. Das muss man nicht dramatisieren. Aber man sollte es ernst nehmen.
Eine Spannung liegt darin, dass viele Menschen Stille suchen, aber keine Bindung. Sie möchten Tiefe, aber keine Lehre. Sie möchten Trost, aber keine Wahrheit, die ihnen widerspricht. Das ist menschlich verständlich. Niemand lässt sich gern korrigieren. Aber aus christlicher Sicht gehört zum Glauben nicht nur das, was mich beruhigt. Gott ist nicht nur Resonanzraum meiner Bedürfnisse. Er ist Gegenüber.
Eine zweite Spannung betrifft die Tradition. Manche erleben Kirche als Heimat. Andere verbinden sie mit Enge, Schuld, Langeweile oder Machtmissbrauch. Beides kann biografisch wahr sein. Wer heute in Worpswede über Glauben spricht, sollte diese Erfahrungen nicht wegwischen. Christlicher Glaube gewinnt nicht dadurch, dass er kirchliche Verletzungen kleinredet. Er gewinnt nur, wenn er wahrhaftiger ist als die Enttäuschung.
Eine dritte Spannung liegt in der Kunst. Worpswede lebt von Bildern, Stimmungen, Deutungen, Symbolen. Das kann den Glauben öffnen. Es kann ihn aber auch ersetzen. Kunst kann berühren, erschüttern, trösten, klären. Aber sie kann nicht vergeben. Sie kann das Geheimnis zeigen, aber sie ist nicht Gott. Gerade in einem Künstlerort muss man diesen Unterschied behutsam, aber klar sagen.
Vielleicht ist Worpswede deshalb ein guter Ort für Glaubensgespräche. Nicht weil hier alle fromm wären. Sondern weil hier viele Suchbewegungen sichtbar werden: die alte Kirche auf dem Berg, der katholische Raum im Künstlerdorf, die Gräber der Maler, der Barkenhoff als Utopie, der Niedersachsenstein als schwieriges Erinnerungszeichen, das Moor als Ort der Stille. Wer hier fragt, fragt selten abstrakt. Er fragt mit Landschaft, Geschichte und Biografie im Rücken.
Was Menschen aus Worpswede und dem Teufelsmoor geglaubt haben, lässt sich also nicht in eine Reihe sauberer Antworten bringen. Findorff zeigt einen Glauben der Ordnung und des Aufbaus. Die Moorbauern zeigen Glauben als Halt in Not. Die Pastoren zeigen Glauben als öffentliches Amt, mit Würde und Versagen. Mackensen sieht Frömmigkeit im Alltag der Menschen. Paula Modersohn-Becker sucht Tiefe und Selbstvertrauen vor einem größeren Horizont. Vogeler verwandelt Erlösungssehnsucht in Kunst und soziale Utopie. Rilke ringt poetisch mit Gott. Andere bewahren, bauen, dienen, zweifeln, schweigen.
Unterm Strich bleibt keine fromme Heldengalerie. Das wäre zu einfach. Es bleibt ein Ort, an dem Menschen sehr verschieden versucht haben, ihr Leben zu deuten. Manche im klaren christlichen Glauben. Manche am Rand. Manche im Widerspruch. Manche in gefährlichen politischen Ersatzreligionen. Manche vielleicht nur mit einer leisen Ahnung, dass der Mensch mehr braucht als Arbeit, Schönheit und Erfolg.
Als Christ würde ich sagen: Gerade diese Verschiedenheit macht die Frage nach Jesus nicht kleiner, sondern größer. Denn wenn alle diese Lebenswege eines zeigen, dann dies: Der Mensch sucht Halt, Sinn, Vergebung, Schönheit, Gerechtigkeit und Hoffnung. Er findet manches davon in der Landschaft, manches in der Kunst, manches in Gemeinschaft. Aber die alte Inschrift an der Zionskirche stellt die entscheidende Frage anders. Sie verweist nicht auf Moor, Kunst oder Erinnerung als letzte Tür. Sie sagt: Christus ist die Tür zum ewigen Leben. Das ist nicht die einzige Stimme in Worpswede. Aber es ist die Stimme, der ich vertraue.
