Heinrich Vogeler und der Glaube – Sehnsucht, Erlösung und die Stellen, an denen beides auseinandergeht

1897 malte Vogeler die Heiligen Drei Könige – aber sie kommen nicht aus dem Morgenland. Sie tragen fürstliche Gewänder und darunter Holzschuhe. Sie ziehen durch eine Worpsweder Winterlandschaft.

Das klingt nach Stilisierung. Es ist mehr. Wer biblische Motive in die eigene Heimatlandschaft versetzt, sagt damit etwas über sein Verhältnis zum Heiligen: Es soll nicht in frommer Distanz ruhen, sondern ankommen – im Moor, auf dem zugefrorenen Weg, in der vertrauten Kälte. Vogeler war fünfundzwanzig, als er dieses Bild malte. Und es ist kein Ausreißer in seinem frühen Werk. Kurz darauf entstanden „Verkündigung“ (1901) und „Verkündigung an die Hirten“ (1902) – beide Male dasselbe Verfahren: Biblisches im Kern, Heimatliches in der Erscheinung, ein weiches Licht, das aus dem Jugendstil zu kommen schien und doch etwas älteres trug.

Die Präraffaeliten und das Sehnsuchtschristentum

Vogelers Vorbilder lagen in England. Die Präraffaeliten – Rossetti, Burne-Jones und ihr Kreis – hatten sich gegen die akademische Malerei gestellt und ihre Inspiration in der Kunst vor Raffael gesucht: Madonnen und Engel, die noch nicht von Konvention glattgeschliffen waren, biblische und mythologische Themen in einem Atem. Für Vogeler war das keine dogmatische, sondern eine emotionale Entscheidung.

Sein eigentliches Vorbild war Sandro Botticelli. Was er an Botticelli erkannte, verrät viel über seine eigene Haltung: Er sah in diesen Bildern, wie Vogeler selbst bezeugte, „sein eigenes sehnsüchtiges Verlangen nach einer besseren Zeit.“ Es ging also nicht um Theologie. Es ging um Sehnsucht. Christliche Motive dienten ihm als Sprache für etwas, das er noch nicht anders ausdrücken konnte: das Verlangen nach Schönheit, Reinheit, Gemeinschaft, Vollkommenheit.

Man sollte das nicht unterschätzen. Sehnsucht ist keine Schwäche des Glaubens. Sie kann sein Kern sein.

Der Barkenhoff als irdisches Paradies

Was Vogeler an seinem Barkenhoff baute, ist aus dieser Grundhaltung nicht weit entfernt. Er verwandelte eine Bauernkate in ein Gesamtkunstwerk: Architektur, Garten, Möbel, Tapeten, Geschirr, Kleidung, Feste, Freundschaft – alles sollte eine Einheit bilden. Das ist, bei allem Schönen daran, auch ein Versuch, das Leben zu heiligen. Nicht durch Gebet oder Sakrament, sondern durch Gestaltung. Der Barkenhoff hatte seine eigene Liturgie: die Geselligkeit auf der Terrasse, die Konzerte, die gemeinsamen Spaziergänge, das Kochen, das Lesen.

Rainer Maria Rilke, einer der engsten Freunde der sogenannten „Barkenhoff-Familie“, schrieb zum Weihnachtsfest 1898 einen Spruch, den Vogeler als Haussegen über der Eingangstür anbringen ließ: „Licht ist sein Loos / ist der Herr nur das Herz und die Hand / des Bau’s mit den Linden im Land / wird auch sein Haus / schattig und groß.“ Das Wort „Herr“ ist hier absichtsvoll offen – es kann den Hausherrn meinen, aber es kann mehr meinen. Rilke wusste, wie er Wörter setzte.

Doch Vogeler selbst erkannte die Sackgasse. Er beschrieb eine eigentümliche Leere inmitten der selbst geschaffenen Welt: Noch ehe ein Fest seinen Höhepunkt erreichte, hatte er sich entfernt, „grundlos böse“ mit sich selbst, saß fernab „am einsamen Berghang, ein Häufchen Elend, den Kopf in den Händen“. Der Barkenhoff war ein Versuch, die Sehnsucht durch Schönheit zu stillen. Aber schön gemachte Dinge schließen keine innere Lücke.

Das Märchen vom lieben Gott

Im Januar 1918, mitten im Krieg, schrieb Vogeler einen Brief an Kaiser Wilhelm II. Er nannte ihn später selbst „Das Märchen vom lieben Gott“.

Der Inhalt ist bemerkenswert. In Vogelers Erzählung erscheint Gott als alter, trauriger Mann am Heiligabend auf dem Potsdamer Platz in Berlin. Er verteilt ein Flugblatt mit den Worten: „Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.“ Die Staatsmacht erschießt ihn auf der Stelle. Wenige Tage später erscheint er wieder – und verweist auf die Zehn Gebote.

Die Passion-Struktur ist unübersehbar: ein Gott, der mit einer Botschaft des Friedens kommt, getötet wird und zurückkehrt. Das ist christologisch, ob Vogeler es so benannte oder nicht. Am Ende des Appells wendet er sich direkt an den Kaiser: „Sei Friedensfürst, setze Demut an die Stelle der Siegereitelkeit, Wahrheit anstatt Lüge, Aufbau anstatt Zerstörung. In die Knie vor der Liebe Gottes, Kaiser! Sei Erlöser, habe die Kraft des Dienens.“

„Erlöser“ – das ist ein Christus-Wort. Vogeler richtet es an einen Mächtigen als Aufforderung zur Umkehr, in prophetischer Sprache. Der Forscher Bernd Stenzig, der den Friedensappell akribisch untersucht hat, hält Vogelers Bekenntnis zum Christentum zu dieser Zeit für ernsthaft.

Die Konsequenzen waren real. Vogeler wurde nach diesem Schreiben für 63 Tage in eine psychiatrische Beobachtungsstation eingeliefert. Der Glaube an den Frieden, gestützt auf die Liebe Gottes, kostete ihn die Freiheit.

Urchristlicher Sozialismus

Als Vogeler 1919 den Barkenhoff in eine Kommune umwandelte, benutzte er ausdrücklich das Bild des „urchristlichen Sozialismus“. Er idealisierte – an Proudhon anknüpfend – sich selbst verwaltende Gemeinden, deren Mitglieder besitzlos und friedlich miteinander lebten. Das ist kein zufälliges Bild. Die Apostelgeschichte kennt die Gütergemeinschaft der Jerusalemer Urgemeinde – die ersten Gläubigen, die alles teilten. Vogeler kannte die Bibel. Er griff dieses Bild auf und destillierte daraus eine politische Praxis. Die Theologie ließ er dabei eher hinter sich, aber die Bildvorstellung blieb.

Das Symbol, das die Barkenhoff-Kommune für sich prägte, war bezeichnend: eine große Hand, die ein Kind schützend umfasst. Das ist kein Motiv aus dem Marxismus. Es hat eine andere Wärme – die Wärme von Bildern, die aus dem Religiösen kommen, auch wenn man das nicht mehr so nennt.

Die Schriften, die Vogeler 1919 verfasste – darunter „Das neue Leben. Ein kommunistisches Manifest“ –, trugen noch die Sprache der Erneuerung, nicht die der Klassenkampf-Theorie. Er wollte eine neue Welt, keine neue Partei. Der Unterschied ist nicht klein.

Gott verlässt die Bühne – und der neue Mensch betritt sie

Nach dem Scheitern der Bremer Räterepublik 1919 studierte Vogeler Marx, Engels und Bakunin. Die Sprache änderte sich. Aus der „Liebe Gottes“ wurden Produktionsverhältnisse. Aus der Urgemeinde wurde die Kollektivität. Aus der Sehnsucht nach Erlösung wurde das Bild vom „neuen Menschen“.

Dieses Bild hat eine religiöse Herkunft, auch wenn sein Träger sie nicht mehr beansprucht. Vogelers Gemälde „Die Geburt des neuen Menschen“ – 1923 in Moskau entstanden, angeregt durch die Geburt seines Sohnes Jan – trägt eine christologische Grammatik: Eine Geburt als Heilsereignis, ein Mensch als Heilserwartung. Man kann hier darüber streiten, ob das bewusst so gemeint war. Sicherer ist: Es zeigt, wie tief religiöse Bildsprache in jemandem weiterarbeitet, auch wenn er sie nach außen hin abgelegt hat.

Noch deutlicher zeigt es eine Radierung aus dem Jahr 1918: „Die Ausgießung der sieben Schalen des Zorns“ – ein direktes Zitat aus der Johannesapokalypse, Kapitel 16. Das ist kein dekoratives Bibelzitat. Es ist ein apokalyptisches Deutungsangebot: Der Krieg als Gericht, das Ende der alten Welt, das Neue danach. Vogeler dachte in Heilsgeschichte. Er hatte nur aufgehört, sie so zu nennen.

Der Tolstojaner und die Partei

Für die Sowjetunion empfand Vogeler echte Hoffnung. Als er 1923 zum ersten Mal nach Moskau reiste und 1931 endgültig übersiedelte, sah er dort „den klaren, zukunftsträchtigen Aufbau der Union der Räterepubliken“. Der Schriftsteller Gustav Regler – der später Vogelers Tochter Marieluise heiratete und ihn also gut kannte – hat ihn mit einem ungewöhnlichen Wort beschrieben: „Vogeler war der große naive Tolstojaner unter den kalten Bürokraten. Er verließ aus Schuldgefühl seine Klasse; es wäre ihm nie eingefallen, sich der neuen Klasse gegenüber kritisch zu verhalten; er glaubte, kein Recht zur Kritik mehr zu haben; er brach keinen Eid, wenn er ihn einmal geleistet hatte; er gehorchte bis zur Sinnlosigkeit.“

„Tolstojaner“ – das ist kein zufälliges Wort. Tolstoi war kein Kirchenmann, aber sein gesamtes Denken kreiste um die Nachahmung Christi: Einfachheit, Besitzlosigkeit, Gewaltlosigkeit, Dienst an den Armen. Regler charakterisiert Vogeler damit nicht als Ideologen, sondern als Glaubenden eines bestimmten, moralisch-religiösen Typs: jemanden, der sich einer Sache hingibt, weil er es für richtig hält, und dann nicht mehr zurück kann, weil sein Ehrverständnis es verbietet.

Dass diese Haltung in einer Parteidiktatur zur Katastrophe führen musste, liegt auf der Hand. Vogeler wurde 1929 aus der KPD ausgeschlossen, sah Freunde vom NKWD abholen und verschwinden, passte seinen Kunststil dem staatlich verordneten Sozialistischen Realismus an und beantragte mehrfach, wieder in die Partei aufgenommen zu werden. Seine Hoffnung, in der Sowjetunion die bessere Welt zu finden, „wurde getrübt“. Die Wirklichkeit war drastischer.

Kasachstan und das Ende

Im September 1941 wurde Vogeler vom NKWD nach Kasachstan zwangsevakuiert. Er war fast siebzig, seine Rente erreichte ihn nicht mehr, er musste auf einer Baustelle körperliche Arbeit leisten. Um nicht zu verhungern, bat er bei Mitevakuierten um Verpflegung. Am 14. Juni 1942 starb er im Krankenhaus eines Kolchos bei Karaganda. Sein Grab ist bis heute unbekannt.

In seiner posthum erschienenen Autobiografie „Erinnerungen“ hatte er am Ende selbst eine Art Bilanz gezogen: „Vielleicht kommt dieses Buch zu Menschen, die Wege suchen zum neuen Leben und in meiner Erzählung die Irrwege erkennen, die sie selber nicht mehr zu begehen brauchen.“

„Irrwege“ – das ist ein bemerkenswertes Wort für einen Mann, der bis zuletzt an die kommunistische Idee zu glauben versuchte. Die Forschung ist sich nicht einig, wie weit Vogeler seine Einschätzung der Sowjetunion am Ende wirklich revidiert hat. Klar ist: Er nannte seine eigenen Wege Irrwege. Das klingt nicht wie jemand, der angekommen ist.

Was bleibt

Vogeler war kein frommer Mensch im kirchlichen Sinn. Es gibt keinen Beleg dafür, dass er Sakramente empfing, einer Gemeinde angehörte oder das Gebet kannte. Das sollte man nicht hineindeuten.

Aber er war jemand, der religiöse Grundstrukturen so tief verinnerlicht hatte, dass er sie nie wirklich ablegte – er übersetzte sie nur immer wieder in eine neue Sprache. Die Sehnsucht nach dem Vollkommenen. Das Verlangen nach Gemeinschaft jenseits des bloß Nützlichen. Die Bereitschaft zur radikalen Selbstüberwindung. Das Bild der Erlösung – zunächst durch Schönheit, dann durch urchristliche Gütergemeinschaft, schließlich durch die Weltrevolution. Die Hüllen wechselten. Der Kern blieb erstaunlich ähnlich.

Vielleicht liegt darin der eigentliche Befund: Vogeler verlor nicht die Sehnsucht nach Erlösung. Er verlor den Glauben daran, dass sie von Gott kommen könnte – und wandte sich an alles, was sonst noch versprach, sie zu erfüllen. Kunst. Gemeinschaft. Partei. Geschichte. Keine dieser Instanzen hielt das Versprechen. Der Barkenhoff wurde ein Kinderheim, dann ein Museum. Die Sowjetunion wurde sein Kerker. Die Partei ließ ihn fallen.

Was sein Leben begleitet, von den Heiligen Drei Königen in Holzschuhen bis zum Sterben in der kasachischen Steppe, ist die Frage, ob eine Sehnsucht, die aus religiöser Tiefe kommt, sich auf Erden wirklich stillen lässt – oder ob sie eine Richtung hat, die über das Irdische hinausweist.

Vogeler hat diese Frage nie so formuliert. Aber er hat sie gelebt.


Das Heinrich-Vogeler-Museum befindet sich heute im Barkenhoff in Worpswede. Vogelers Grab ist unbekannt. In Karaganda, Kasachstan, wurde ihm 1999 ein Denkmal gewidmet.