Glaube braucht nicht zwingend besondere Orte. Das ist eine der nüchternen Wahrheiten des Christentums. Man kann in einer Küche beten, auf einem Weg, am Krankenbett, im Auto, auf einer Bank am Rand eines Feldes. Und doch ist es kein Zufall, dass Menschen Kirchen bauen, Friedhöfe anlegen, Kreuze aufstellen, Glocken gießen und Wege zu bestimmten Plätzen immer wieder gehen. Der Mensch ist nicht nur Geist. Er braucht Orte, an denen Erinnerung Gestalt annimmt.
Worpswede und das Teufelsmoor erzählen davon auf eine besondere Weise. Hier stehen Kirchen nicht einfach in der Mitte alter Marktflecken. Manche liegen erhöht, manche einsam, manche beinahe verborgen. Einige sind aus der mittelalterlichen Klosterwelt hervorgegangen, andere aus der Moorkolonisation des 18. Jahrhunderts. Wieder andere sind jung und erzählen von Zuzug, katholischer Diaspora, ökumenischer Nähe und der Frage, wie Glaube in einer veränderten Gesellschaft sichtbar bleibt.
Zionskirche Worpswede – was macht sie so besonders?
Die Zionskirche auf dem Weyerberg ist nicht deshalb besonders, weil sie prunkvoll wäre. Im Gegenteil. Ihre Wirkung liegt gerade in der Schlichtheit. Sie wurde in den Jahren 1757 bis 1759 erbaut; die Initiative zu ihrem Bau fiel mit der beginnenden Moorkultivierung durch Jürgen Christian Findorff zusammen. Die Pläne stammten vom hannoverschen Hofbaumeister Johann Paul Heumann, die Bauleitung lag bei Findorff. Schon diese Entstehung macht die Kirche zu mehr als einem Gotteshaus: Sie gehört zur Geschichte der Moorkolonisation, zur Geschichte harter Wege und zu dem Versuch, den Menschen im Moor einen geistlichen Mittelpunkt zu geben.
Vor dem Bau der Zionskirche mussten die Menschen aus Worpswede und den umliegenden Moordörfern zum Gottesdienst nach Scharmbeck gehen oder fahren. Dass auf dem Weyerberg eine Kirche entstehen sollte, hatte also einen sehr praktischen Grund. Es ging nicht nur um Schönheit, sondern um Zumutbarkeit. Der Glaube sollte nicht in unerreichbarer Entfernung bleiben. Die Kirche wurde auf eine Höhe gestellt, von der aus sie für die Moordörfer sichtbar war; ihre weiße Turmspitze diente den Torfschiffern und den Menschen im Moor als Wegmarke.
Man kann diesen Punkt kaum überschätzen. Eine Kirche, die Orientierung gibt, tut das hier nicht nur im übertragenen Sinn. Sie war Wegzeichen in einer Landschaft, in der Wege mühsam, Wasserstände wechselhaft und Entfernungen körperlich spürbar waren. Für den Menschen im Moor war die Zionskirche nicht nur ein Ort des Sonntags. Sie sagte: Da oben ist Sammlung. Da oben ist ein Ort, an dem das verstreute Leben zusammenkommt.
Auch die innere Gestalt der Kirche spricht diese Sprache. Die Zionskirche weist eine schlichte Ausstattung auf; aus dem hallenartigen Inneren hebt sich vor allem der Altarbereich heraus. Zeitgenössisch wurde der Bau nach dem Grundsatz einfacher Ausführung beschrieben, „unter Vermeidung aller unnützer Zierde und Kostbarkeiten“. Das passt zur Geschichte des Ortes besser als jeder Schmucküberschuss. Eine Kirche für Moorbauern musste nicht überwältigen. Sie musste tragen.
Über einem Portal steht die Inschrift: „Wer aus und eingeht durch die Tür, der soll bedenken für und für, daß unser Herre Jesus Christ die Tür zum ewgen Leben ist.“ Dieser Satz ist keine historische Dekoration. Er ist eine Verdichtung des christlichen Glaubens. Wer eintritt, wird daran erinnert, dass die Kirche nicht sich selbst meint. Sie verweist auf Christus. Gerade auf dem Weyerberg, über einer Landschaft, die lange von Unsicherheit, Arbeit und Entbehrung geprägt war, bekommt dieses Bild der Tür ein besonderes Gewicht.
Zur Zionskirche gehört der Friedhof. Das ist kein Nebenumstand. Kirche und Friedhof wurden 1759 gemeinsam angelegt; beide stehen heute als Ensemble unter Denkmalschutz. Wer die Kirche nur als Gebäude betrachtet, sieht zu wenig. Der Ort umfasst Predigt und Begräbnis, Taufe und Erinnerung, Anfang und Ende.
Die Zionskirche ist zudem ein Ort, an dem sich die Geschichte Worpswedes mit der Kunstgeschichte berührt. Anlässlich des 800-jährigen Ortsjubiläums wurde 2018 an der Kirche eine Kopie von Fritz Mackensens Bild „Gottesdienst im Freien“ enthüllt. Auch die bekannten Putten von Clara Westhoff und die Blumenmalereien Paula Becker-Modersohns im Inneren gehören zu jenen Spuren, an denen man sieht, wie eng in Worpswede Kirche, Kunst, Lebensfreude, Regel, Strafe und Erinnerung ineinander geraten konnten.
Welche anderen Kirchen und Kapellen gibt es in der Umgebung?
Wer die geistliche Landschaft um Worpswede verstehen will, darf nicht bei der Zionskirche stehen bleiben. Sie ist der sichtbare Mittelpunkt des Ortes, aber sie steht in einem Netz älterer und jüngerer Kirchen. Einige dieser Kirchen erzählen von der frühen Christianisierung. Andere erzählen von Klöstern. Wieder andere von Moorkolonisation, von Nachkriegszeit, katholischem Gemeindeleben oder von provisorischen Lösungen, die dauerhaft wurden.
St. Willehadi in Scharmbeck
Für Worpswede ist St. Willehadi in Scharmbeck besonders wichtig, weil die alten Dörfer des späteren Kirchspiels Worpswede vor dem Bau der Zionskirche kirchlich dorthin gehörten. Wer also nach den älteren kirchlichen Wegen Worpswedes fragt, stößt zwangsläufig auf Scharmbeck. Die St.-Willehadi-Kirche gilt als eine der ältesten Kirchen der Gegend; bereits um 850 soll am Scharmbecker Markt eine hölzerne Kirche bestanden haben, die dem heiligen Willehad gewidmet war.
Das ist mehr als ein historischer Vorläufer. Es macht deutlich, dass Worpswede lange nicht aus sich selbst heraus kirchlich organisiert war. Der Glaube kam über ältere Zentren, über Wege, Zuständigkeiten und Pfarrgrenzen. Man musste sich auf den Weg machen. Kirche war nicht nur geistliche Heimat, sondern auch Entfernung.
St. Willehadi steht damit für eine frühe Schicht der regionalen Glaubensgeschichte. Der Name verweist auf Willehad, den ersten Bremer Bischof, und damit auf die Anfänge der Christianisierung im Raum Bremen. Wer von Worpswede aus nach Scharmbeck blickt, sieht nicht nur eine Nachbarstadt. Er sieht eine ältere kirchliche Ordnung, in die Worpswede erst später seinen eigenen Platz fand.
Die Klosterkirche St. Marien in Osterholz
Ein weiterer wichtiger Ort ist die Klosterkirche St. Marien in Osterholz. Das frühere Kloster Osterholz wurde 1182 auf Veranlassung des Bremer Erzbischofs Siegfried gegründet; von der Klosteranlage sind vor allem die ehemalige Basilika, die heutige Klosterkirche St. Marien, und Reste eines Wirtschaftsgebäudes erhalten. Für Worpswede ist dieser Ort deshalb bedeutsam, weil Worpswede im 13. Jahrhundert in Urkunden im Zusammenhang mit Rechten des Klosters Osterholz erscheint.
Die Klosterkirche St. Marien erzählt von einer Zeit, in der Klöster geistliche und wirtschaftliche Mittelpunkte waren. Ein Kloster war nicht nur ein Ort des Gebets. Es besaß Land, verwaltete Rechte, ordnete Abgaben, bewahrte Schriftstücke und prägte das Umland. In der ersten urkundlichen Erwähnung Worpswedes 1218 geht es gerade nicht um eine fromme Erzählung, sondern um den Zehnt. Das wirkt trocken. Aber an solchen Urkunden wird sichtbar, wie sehr der Glaube im Mittelalter in Besitz, Arbeit und Herrschaft eingeschrieben war.
Man sollte diese Vergangenheit nicht verklären. Klöster waren Orte geistlichen Lebens, aber zugleich Teil der Machtordnung. Gerade deshalb sind sie für die Geschichte des Glaubens so wichtig. Sie zeigen, dass Religion nicht nur im Inneren des Menschen lebt, sondern auch Institutionen schafft – hilfreiche, belastende, bewahrende und manchmal bedrückende.
Die Klosterkirche St. Marien in Lilienthal
Auch Lilienthal gehört zu den prägenden kirchlichen Orten am Rand des Teufelsmoors. Ursprung des Ortes ist das 1232 von Erzbischof Gerhard II. von Bremen gestiftete Zisterzienserinnenkloster. Nach der Überlieferung kamen die ersten Nonnen aus Walberberg; zwischen 1250 und 1262 wurde die hölzerne Klosterkirche durch einen Steinbau am heutigen Standort ersetzt.
Die Lilienthaler Klosterkirche ist anders als die Zionskirche. Sie kommt aus der mittelalterlichen Klosterwelt, nicht aus der Moorkolonisation. Ihre Geschichte reicht in eine Zeit, in der Gebet, Ordensleben, Landgewinnung, Wasserregulierung, Herberge und Verwaltung eng beieinander lagen. Die Stiftung Klosterkirche Lilienthal weist darauf hin, dass das Kloster auch Reisenden in einer häufig unwirtlichen, von Überschwemmungen geprägten Gegend Rast und Herberge bot.
Gerade dieser Punkt macht Lilienthal für das Thema Glauben im Teufelsmoor interessant. Das Kloster war nicht nur ein Ort der Abgeschiedenheit. Es lag in einer Landschaft, die Menschen bewältigen mussten. Glaube bedeutete hier auch Ordnung im Unübersichtlichen: ein fester Ort, ein Dach, eine Liturgie, eine Glocke, eine Mauer gegen das offene Land.
Die Geschichte des Klosters Lilienthal endete als Kloster im 17. Jahrhundert; die eigentliche Entwicklung Lilienthals zum Dorf setzte nach der Aufhebung des Klosters 1650 ein. Die Kirche blieb aber als geistlicher Ort erhalten. Sie zeigt, wie kirchliche Orte ihre Funktion verändern können, ohne ihre Bedeutung zu verlieren.
Die St.-Jürgens-Kirche im St. Jürgensland
Noch einmal anders wirkt die St.-Jürgens-Kirche bei Lilienthal. Sie liegt mit Pfarrhaus und Küsterhaus auf einer Warft in der Wiesenlandschaft des St. Jürgenslandes. Schon die Lage sagt viel. Diese Kirche steht nicht herrschaftlich im Ortskern, sondern abgelegen, erhöht, umgeben von einer Landschaft, die früher im Winter häufig überflutet war.
Die Kirche wird auch St.-Georgs-Kirche genannt und mit dem „Heiligen Georg im Lande der Gräser“ verbunden. In regionalen Darstellungen wird sie als alte weiße spätromanische Dorfkirche beschrieben, deren Ursprünge teils bis ins 12. Jahrhundert zurückgeführt werden; die genaue Frühgeschichte wird nicht überall einheitlich dargestellt. Gerade deshalb ist vorsichtige Sprache angebracht. Sicher ist: Der Ort hat eine ungewöhnliche geistliche Ausstrahlung, weil Kirche, Warft und umgebende Wiesenlandschaft hier eine seltene Einheit bilden.
Wenn man dort steht, versteht man, dass „Kirche“ in Moor- und Niederungslandschaften auch Schutz bedeuten konnte. Die Warft ist keine theologische Metapher, aber sie wirkt fast wie eine: ein erhöhter Ort im Wasserland, ein Platz, an dem Menschen zusammenkommen, wenn das Flache unsicher wird.
Die Kirche in Hüttenbusch
Hüttenbusch gehört heute zu Worpswede und hat eine eigene kirchliche Geschichte. Die Teufelsmoorer Aftersiedlungen Hüttenbusch und Vieh gehörten bis zum Bau der Zionskirche 1759 zur Kirchengemeinde Scharmbeck. Später gehörte Hüttenbusch zum Worpsweder Kirchspiel, bis sich dort eine eigene gemeindliche Gestalt herausbildete.
Besonders ist die Hüttenbuscher Kirche durch ihre Bauform und Entstehung. 1902 wurde ein Gebäude errichtet, das im Erdgeschoss die Pfarrwohnung und im ersten Stock den eigentlichen Kirchenraum, den Betsaal, enthielt. Diese Lösung war als Provisorium gedacht; weil ein später geplanter Kirchbau nicht ausgeführt wurde, wurde aus dem Betsaal die Hüttenbuscher Kirche.
Das ist ein sehr sprechender Ort. Nicht jede Kirche beginnt mit einem großen Entwurf. Manche entstehen aus Notwendigkeit, aus Übergang, aus dem, was gerade möglich ist. Hüttenbusch zeigt, dass kirchliches Leben nicht von Architektur allein abhängt. Ein Betsaal über einer Wohnung kann geistlich mehr bedeuten als ein repräsentativer Bau, wenn Menschen dort beten, singen, hören, trauern und hoffen.
Auch die Nachkriegsgeschichte gehört zu Hüttenbusch. In den Jahren nach 1945 kamen katholische Familien in das Gebiet; im Hüttenbuscher Betsaal fanden zeitweise auch katholische Gottesdienste statt. Das zeigt, wie stark die religiöse Landschaft nach dem Zweiten Weltkrieg durch Flucht, Vertreibung und neue Nachbarschaften verändert wurde.
Die Findorffkirche in Grasberg
Grasberg ist einer der wichtigsten Orte, wenn man den Zusammenhang von Moorkolonisation und Kirche verstehen will. Der Bau der Grasberger Kirche begann 1784; am 1. November 1789 konnte sie eingeweiht werden. Sie gehört in den Zusammenhang der Tätigkeit Jürgen Christian Findorffs, der nicht nur an der Worpsweder Zionskirche beteiligt war, sondern auch die Kirchen in Grasberg und Gnarrenburg plante beziehungsweise baute.
Die Grasberger Kirche ist eine Findorffkirche. Dieser Begriff meint mehr als einen Baumeister. Er steht für eine ganze Epoche: Land wurde vermessen, Moor entwässert, Siedlungen entstanden, Wege und Kanäle wurden angelegt, und mitten in diese neue Ordnung stellte man Kirchen. Das kann man als Verwaltung lesen. Man kann es aber auch als Ausdruck eines Menschenbildes verstehen: Wer siedelt, braucht nicht nur Land, sondern auch einen Ort der Sammlung.
Grasberg wurde aus einer Moorkolonisationsgeschichte heraus zu einem eigenen kirchlichen Ort. Das ist wichtig. Die Kirche steht nicht am Ende eines gewachsenen mittelalterlichen Dorfes, sondern in einer Landschaft, die im 18. Jahrhundert planmäßig erschlossen wurde. Gerade deshalb spricht sie so deutlich von Glaube, Arbeit und Ordnung im Moor.
Die Pauluskirche in Gnarrenburg
Noch weiter ins Teufelsmoor hinein führt der Blick nach Gnarrenburg. Die Pauluskirche dort ist ebenfalls eine sogenannte Findorffkirche und wurde 1790 fertiggestellt. Auch sie steht im Zusammenhang der hannoverschen Moorkolonisation und der Tätigkeit Jürgen Christian Findorffs.
Gnarrenburg liegt nicht direkt bei Worpswede, gehört aber in den größeren geistlichen Raum des Teufelsmoors. Die Kirche dort zeigt, dass die Moorkolonisation nicht nur einzelne Siedlungen hervorbrachte, sondern eine ganze Landschaft neu ordnete. Kirchen waren dabei keine nebensächlichen Ergänzungen. Sie waren Zeichen dafür, dass aus Moorland Gemeindeland werden sollte.
In Worpswede, Grasberg und Gnarrenburg sieht man eine Linie: Die Kirche folgt nicht einfach der abgeschlossenen Besiedlung, sondern begleitet sie. Sie steht am Anfang von Gemeinschaft, nicht erst am Ende.
Die katholische Kapelle Maria Frieden in Worpswede
Ein ganz anderer Ton kommt mit der katholischen Kapelle Maria Frieden in Worpswede hinzu. Sie wurde 1975 eingeweiht und befindet sich im Herzen des Künstlerdorfes. Zur Filialkirche zählen nach Angaben der katholischen Gemeinde rund 450 Katholiken; 2008 wurde ein Förderverein gegründet, um die damals schließungsbedrohte Kapelle zu erhalten, und 2017 wurde ihre Zukunft vom Bistum als weitere Filialkirche gesichert.
Maria Frieden erzählt von katholischem Leben in einer lange evangelisch geprägten Gegend. Das macht diese Kapelle nicht weniger wichtig, sondern eher besonders. Sie ist kein mittelalterlicher Großbau und keine Findorffkirche. Sie ist ein Ort der Diaspora, der Minderheit, der Beharrlichkeit. Dass sie täglich geöffnet ist, zeigt zudem ein stilles Vertrauen: Ein Kirchenraum muss nicht immer laut bespielt werden. Manchmal genügt es, dass er offen ist.
Die Kapelle ist auch ein Beispiel dafür, wie sich in Worpswede Kunst und Kirche weiter berühren. Der Förderverein stärkte nicht nur das Gemeindeleben, sondern öffnete den Ort auch für ökumenische Gottesdienste und regelmäßige Kunstausstellungen. So bleibt Maria Frieden nicht bloß ein Gebäude für eine kleine katholische Gemeinde, sondern ein geistlicher und kultureller Ort im Gefüge des Künstlerdorfes.
Katholische Orte in Lilienthal und Osterholz-Scharmbeck
Zum katholischen Leben der Umgebung gehört auch die Kirche „Guter Hirt“ in Lilienthal. Die dortige katholische Gemeinde beschreibt sich als kleine, lebendige Gemeinde am Rand von Bremen mit Gläubigen aus Lilienthal, Grasberg, Worpswede und umliegenden Orten. Für viele Katholiken in Worpswede ist das wichtig, weil katholisches Leben hier regional gedacht werden muss.
Auch Osterholz-Scharmbeck gehört in diesen Zusammenhang. Die katholische Kirche Heilige Familie wurde nach dem Zweiten Weltkrieg wichtig; 1947 gründete sich dort eine katholische Vikarie, und 1948 konnte die Kirche Heilige Familie geweiht werden. Diese Daten stehen für eine größere Entwicklung: Nach 1945 wuchs durch Flucht und Vertreibung katholisches Leben in Gebieten, die zuvor stärker evangelisch geprägt waren.
Damit wird die religiöse Landkarte der Region deutlich: evangelische Dorf- und Klosterkirchen, Findorffkirchen der Moorkolonisation, katholische Nachkriegs- und Diasporaorte, kleine Kapellen und offene Räume. Glaube erscheint hier nicht als einheitliches Bild, sondern als gewachsene Landschaft.
Welche Friedhöfe, Gedenkorte und besonderen Plätze erzählen von Glauben?
Der Worpsweder Friedhof um die Zionskirche ist einer der eindrücklichsten Orte des Glaubens in der Region. Er entstand 1759 im Zusammenhang mit dem Bau der Kirche. Heute ruhen dort nicht nur alteingesessene Familien und Menschen aus den umliegenden Moordörfern, sondern auch mehr als 80 Kunstmaler, Schriftsteller, Musiker und Kunsthandwerker.
Besonders bekannt ist das Grab Paula Modersohn-Beckers mit dem von Bernhard Hoetger zwischen 1916 und 1919 geschaffenen Grabmal „Werden und Vergehen“. Auch Fritz Mackensen, Martha Vogeler und viele Künstlerinnen und Künstler der Worpsweder Generationen haben auf oder bei diesem Friedhof ihre Ruhestätten. Der Friedhof ist deshalb nicht nur ein Begräbnisort, sondern ein Gedächtnisraum des ganzen Ortes.
Ein Friedhof stellt Fragen, die keine Ausstellung beantworten kann. Was bleibt von einem Leben? Was ist ein Name? Was bedeutet Ruhen? Im christlichen Verständnis ist ein Friedhof nicht bloß Ablage des Vergangenen. Er ist ein Ort der Erwartung. Die Toten sind nicht einfach erledigt. Ihre Namen werden bewahrt, und die Hoffnung reicht über das Sichtbare hinaus.
Zu den Gedenkorten Worpswedes gehört auch der Niedersachsenstein auf dem Weyerberg. Er wurde 1922 nach einem Entwurf Bernhard Hoetgers errichtet und erinnert an die im Ersten Weltkrieg Gefallenen; im Kreis um das Denkmal erinnern 173 Feldsteine an die gestorbenen Soldaten des Kirchspiels Worpswede. Dieser Ort ist nicht im engeren Sinn kirchlich, aber er berührt die Glaubensfrage: Wie gedenkt man der Toten, ohne Krieg zu verklären?
Gerade bei solchen Denkmälern ist Vorsicht nötig. Erinnerung kann trösten, aber sie kann auch formen, überhöhen und politisch missbraucht werden. Der Niedersachsenstein steht deshalb nicht nur für Trauer, sondern auch für die schwierige Frage, wie eine Gesellschaft ihre Verluste deutet.
Ein jüngerer und anderer Erinnerungsort ist der Gedenkort des Heimatvereins Worpswede für Frauen, Männer und Kinder aus Worpswede, die im Nationalsozialismus zwischen 1933 und 1945 verfolgt wurden. Solche Orte sind notwendig, weil Erinnerung nicht bei den berühmten Namen stehen bleiben darf. Sie muss auch jene nennen, die verdrängt, verfolgt, entrechtet oder ermordet wurden.
Aus christlicher Sicht sind Gedenkorte nicht nur historische Markierungen. Sie stellen eine moralische Frage. Wer erinnert wird, wird der Gleichgültigkeit entzogen. Und wer sich erinnert, übernimmt Verantwortung dafür, dass Schuld nicht in der schönen Landschaft verschwindet.
Wo lässt sich in der Landschaft „Stille“ und „Höhe“ erleben?
Der Weyerberg ist der natürliche Ort der Höhe in Worpswede. Mit seinen 54,4 Metern ist er die einzige deutlich wahrnehmbare Anhöhe im Teufelsmoor. Gerade weil die Umgebung so flach ist, wirkt diese Höhe stärker, als die Zahl vermuten lässt. Man steigt nicht weit hinauf, aber der Blick verändert sich.
Vom Weyerberg aus lässt sich verstehen, warum Worpswede nicht nur ein Dorf im Moor ist. Der Berg war fester Grund, Aussichtspunkt, Siedlungsplatz, Kirchenstandort und später auch Ort künstlerischer Wahrnehmung. Auf ihm liegen Zionskirche, Friedhof, Wege, Ausblicke und Denkmäler nah beieinander. Höhe ist hier nicht Flucht aus der Welt, sondern Abstand, der den Blick klärt.
Stille findet man nicht nur auf dem Berg. Sie liegt auch in den Wegen ins Moor, in der Hammeniederung, am Rand der Wasserläufe, in den Blicken über Wiesen, Gräben und Birken. Die Worpsweder Tourist-Information verweist auf Spazier- und Wandervorschläge sowie die Karte „Wege ins Moor“, die in Zusammenarbeit mit den Freunden Worpswedes und der Biologischen Station Osterholz entstanden ist.
Ein besonderer Weg ist der Weyerbarger Sliekpadd. Am Westhang bietet er Ausblicke über die Niederung und das Teufelsmoor; dort lässt sich besonders bei ruhigem Wetter erleben, wie Landschaft nicht laut wirkt, sondern langsam.
Auch die Wege zum Breiten Wasser und durch die Hammeniederung gehören zu diesen stilleren Orten. Wander- und Radrouten in der Umgebung führen in Bereiche, in denen Worpswede nicht als Künstlerdorf, sondern als Moorlandschaft erfahrbar wird.
Für mich liegt gerade darin ein geistlicher Hinweis. Stille ist nicht automatisch Glaube. Ein schöner Blick ist noch keine Offenbarung. Aber Orte können Menschen empfänglich machen. Sie können das Tempo herausnehmen, die Gedanken ordnen, die Frage nach Gott wieder hörbar machen. In Worpswede und im Teufelsmoor geschieht das oft nicht spektakulär. Es geschieht auf einem Friedhofsweg, an einer Kirchentür, auf einer Warft, am Rand eines Grabens oder oben auf dem Weyerberg, wenn die Landschaft weit wird und der Mensch für einen Moment weniger von sich selbst eingenommen ist.